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Aleppo

Aus dem Tagebuch von Peter Havel – Folge 2

El Cid hatte gerade Valencia erobert, da machte er sich auf, die schöne Prinzessin Kylie aus der Burg des finsteren Emirs Abdul Mehmeds zu befreien. Der Sultan selbst gab ihm die Erlaubnis dazu, galt es doch nun, die Bedingungen des Waffenstillstandes zu erfüllen und den Frieden zu bewahren. Mit seinen kampferfahrensten Getreuen machte er sich nach Süden auf, Belagerungsgerät mit im Reisegepäck. An den Mauern des Bollwerks angekommen errichtete er sein Lager und suchte eine Stelle, wo er sein Stativ aufstellte, die Kamera mit einem mittleren Tele montierte um nach den Schwachstellen der mächtigen Festung zu suchen. Oder zumindest einen Blick der schmachtenden Prinzessin, der bezaubernden Kylie zu erhaschen. Halt, Stopp, alles zurück, schweißgebadet erwache ich in meiner Unterkunft in Andalusien und versuche meinen chaotischen Traum zu ordnen. Ok, von Kylie zu träumen ist bei mir nichts besonderes, von El Cid auch nicht, bin ich doch geschichtsverliebt und gerade in Südspanien auf Urlaub.

Der Held der Reconquista (Überbegriff für die Rückeroberung des maurischen Spaniens durch die katholischen Armeen von Kastilien, Leon, Aragon, Navarra und Portugal vom 11. bis zum 15. Jahrhundert), mit bürgerlichem Namen Rodrigo de Vivar ist hier allgegenwärtig, obwohl es spätere Kriegsherren und Könige waren, die Andalusien schlussendlich befreiten bzw. eroberten, wie es die andere Seite wohl eher sah. Die Geschichte hinterließ in jedem Fall unzählige Burgen, Festungen und mächtige Stadtmauern, ein Fest für jeden Fotografen. Doch zu meinem Pech war das Wetter auf meiner bisherigen Reise zweigeteilt, entweder bot es wolkenfreien Sonnenschein oder dichten Regen aus eintönig grauen Wolken. Seit ich diesen Ausflug nach Al Andalus (so nannten es die Mauren und Araber, die Anfang des 8. Jahrhunderts hierher kamen) geplant hatte, träumte ich von interessanten Lichtstimmungen. Spannende Wolken über mächtigen Türmen und Mauern, Spitzlichter auf Zinnen und Wehrgängen, aufgerissene, dunkle Wolkendecke mit den ersten Sonnenstrahlen nach einem Gewitter und so weiter. Doch ich erlebte in den ersten zehn Tagen nur binäres Wetter, ganz schön oder ganz schlecht, keinerlei Zwischentöne. Meine allerliebste Reisebegleitung brauchte all Ihre Kraft und weibliche Überzeugungskunst, um in mir wieder Hoffnung keimen zu lassen. Schließlich führte uns der erste Teil der Reise in eher burgenfreie Gegenden, das Beste (sprich die größten Festungsanlagen) sollten noch kommen. So blieb die Hoffnung auf gute Fotos bei geeignetem Wetter. Doch weshalb störte mich das bisherige so sehr. Was spricht gegen strahlend blauen Himmel hinter den rot- oder graubraunen Mauern einer mittelalterlichen Wehranlage? Nun das Wesen des Hauptmotives selbst war ausschlaggebend. Was ist eine Burg im eigentlichen Sinn, ein schönes Bauwerk zur Ehre des Fürsten, Ausdruck der Größe des Glaubens wie eine Kathedrale? Nein ein Verteidigungswerk, Mittel der Abschreckung, Beweis der militärischen Stärke und der von Ihr ausgehenden, oftmals auch willkürlichen Gewalt. Solche Bollwerke (der Name trifft es schon sehr gut) zielten auf militärische, nicht künstlerisch-feinsinnige Bedeutung. Und was kann das besser unterstreichen als dramatische Lichtstimmungen oder bedrohliche Wolkenformationen. Nichts gegen Postkartenfotos, davon gibt es auch gute, aber mir lag anderes im Sinn. Vorbilder zu meinen Ideen habe ich in guten Büchern und von diversen Spezialisten auf dem Gebiet genug gesehen, mir dürstete nun nach eigener Umsetzung. Meine Gebete, und die meiner allerliebsten Begleitung sollten Gehör finden, dieser eingangs erwähnte Traum fand seine Erfüllung. Das Wetter bot in der Folge noch genug Spannung und Wolken aller Art, und oft genug war ich dann zur rechten Zeit am rechten Ort. Wobei die Zeit fast noch wichtiger war, denn die Lichtstimmung sollte sich nun innerhalb einer Stunde dramatisch ändern, so wie das in Andalusien, speziell am Rande der Sierra Nevada normal ist. An der Festung von Cazorla zum Beispiel war Geduld das probate Mittel zur Eroberung des richtigen Fotos. Bei der Kameratechnik war der Ort (sprich Fotostandort) von entscheidender Bedeutung. War man nahe genug dran, so wurde natürlich das Weitwinkelobjektiv in Stellung gebracht. Türme wirken so noch höher und die Wehrmauern noch unüberwindbarer. Andererseits lassen sich mit dem Tele Burgen näher erscheinen oder Details können sichtbar und damit besser herausgearbeitet werden. Eine gut erhaltene Festung bietet auch innen genug Motivmaterial, soll heißen, man kann sein gesamtes Arsenal an Brennweiten zum Einsatz bringen.
Spannend ist auch der Gedanke, es mal wieder in Schwarz-Weiß zu versuchen, kaum ein Thema ist für solche Versuche besser geeignet als alte Mauerwerke und spannende Lichtstimmungen. Alle Arten der Farbtönung (an der Kamera selbst oder später am PC) bieten zusätzlichen Reiz und eine große Spielwiese für die Kreativen unter uns.
Nach etwa einem halben Dutzend Burgen (Burg heißt hier eigentlich Alcázar) und dem dazu passenden Licht und Wetter war meine Stimmung im Hoch und meine Träume wieder klar und mein Schlaf friedlich. Zwar fand ich Kylie in keinem der zahllosen Bergfriede oder Turmverließe (und glauben Sie mir, ich habe unermüdlich gesucht), aber vielleicht war es besser so. Anders herum wäre ich wohl von meiner allerliebsten Reisebegleitung vermutlich in einen tiefen Festungskerker geworfen worden um über meine Wahnvorstellungen lange und bei hoher Luftfeuchtigkeit nachzudenken.

Alle Fotos Copyright by Peter Havel

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