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Aus dem Tagebuch von Peter Havel – Folge 3

Letzten September war ich in London. Kylie war auch da, zur selben Zeit, zu Hause in Chelsea. Mein Hotel lag in angenehmer Spazierentfernung……..und wir trafen uns wieder nicht. Dreimal in den letzten vier Jahren waren wir zur selben Zeit am selben Ort (jetzt wissen Sie, wie ich meine Reisen plane), doch auf den britischen Inseln klappt es einfach nicht mit uns beiden, oh du grausames Schicksal! Scheinbar treffen wir uns immer nur in Wien – gelobt sei die Erfindung der Konzertkarte und das Wissen um den Bühneneingang.

Doch ans Trübsal blasen war trotz dieses Tiefschlages nicht zu denken, hatte ich doch eine weitere wichtige Verabredung. Bei Motorbooks am Cecil Court (nahe Trafalgar Square) wartete Mr. Bromlee auf mich,  seines Zeichens Angestellter in Londons besten Buchladen wenn es um Motorsport in Allgemeinen und einschlägige Fotobildbände im Speziellen geht. Hier wollte ich meine Kreditkarte glühen lassen, half mir doch das Internet (und Mr. Bromlee) neue Kronjuwelen der Motorsportfotografie ausfindig zu machen. Schon im Hotelzimmer studierte ich die erstandenen Werke und im Flugzeug sickerte das studierte (inkl. ausführlich beschriebener Aufnahmetechnik) langsam in mein Gedächtnis. Das dabei stets von Tele- und Zoomteleobjektiven die Rede war, überraschte mich nicht mehr sehr, doch schon bald sollte ich manche Bildidee und fotografische Aufgabe umsetzen können. Nur zwei Wochen nach London traf ich in Brünn ein, zum drittletzten Lauf zur FIA-GT Championship. Zur Aufklärung in Kurzform: GT-Rennwagen (Grand Tourismo), also Supersportwagen mit Spoilerwerk und Sponsoraufklebern optisch verfeinert, hören auf Namen wie Ferrari, Aston Martin, Maserati, Chevrolet Corvette, Porsche usw., bis zu 650 PS stark und sauschnell, dazu liefern sie einen besseren Sound als die hochdrehenden Nähmaschinen der Formel-1.

Mittendrin Karl Wendlinger, Tiroler, Aston Martin Lenker und einheimische  Titelhoffnung und ich selbst, ausgerüstet wie nie zuvor: Alpha Kamera, Telebrennweiten von 60mm bis 400mm (sprich 90mm bis 600mm), drei Speicherkarten und Ersatzakku. Das gelesene sollte an dieser Stelle und bei herrlichem Frühherbstwetter umgesetzt werden. Zoomtele für Reportagezwecke, soll heißen 16-80mm auf dem Boxendach für vorbeieilende Boliden auf der Zielgeraden und hektische Boxenstopps. Mit dem genannten Vario-Sonar eine genussvolle Aufgabe, handlich, optisch korrekt und ausreichend lichtstark. Für die verschiedenen Kurven und kurzen Verbindungsgeraden eignet sich am besten das 75-300 oder mein heiß geliebtes 200mm APO-Objektiv. Lang genug um Autos noch formatfüllend darzustellen und lichtstark genug um verwacklungsfreie Mitzieheffekte zu erreichen.

Damit wären wir bei einem interessanten Detailthema: dem Mitziehen. Hauptmotiv (Rennwagen) bzw. wichtige Teile davon (z.B. Fahrzeugmitte mit Piloten/Pilotenhelm im Zentrum) weitgehend scharf bei gleichzeitig verwischtem Hintergrund um die Geschwindigkeit im Bild einzufangen. Bei analogen Kameras in Verbindung mit langen Rohren oft ein Geduldsspiel. Entweder extrem ruhige Hand und perfektes Timing oder mörderisch hoher Ausschuss. Ein Stativ ist da oft die einzige Hilfe, fixiert in einer Ebene (meist vertikal), frei in der anderen um mitziehen zu können. Das erforderte aber ein höchst präzises Ausrichten auf die Motivebene, die bei  Sportaufnahmen selten absolut waagerecht verläuft. Man muss das Stativ also etwas schräg aufstellen um der Ebene der Bahn bzw. Kurve, die das Renngerät durchfährt folgen zu können. Ein gewaltiger Aufwand, der aber im Zeitalter der Digitalkameras mit Verwacklungsschutz ( Super SteadyShot) gesenkt werden kann. Ist dann das Objektiv auch noch lichtstark und das Wetter gut, so sind auch aus freier Hand gute Fotos ohne Bewegungsunschärfe machbar. Als geeignete Verschlusszeiten bieten sich 1/30 sec (langsamere Streckenteile) bis zu 1/125 sec (schnellste Streckenteile) an. Dabei sollte man aber auch beachten, dass diese Zeiten nur dann gelten, wenn man sich bei der Aufnahme in einem 90° Winkel zum Objekt befindet. Der Zeitfaktor verändert sich, je stumpfer der Aufnahmewinkel wird. Bei 60° zum Objekt sollte die Zeit geringfügig verlängert werden (Faktor 1,2), bei etwa 45° etwas mehr (Faktor 1,4), bei 30° sogar verdoppelt (Faktor 2) um einen Mitzieheffekt zu erreichen.

Bleibt die Frage nach der Verwendung des Autofokus: ist er schnell genug, schafft er es das Motiv in der richtigen Bildposition wirklich scharf zu erwischen? Mit der Allrichtungs-Prädiktionsmessung ist das heute kein Thema mehr. Damit erkennt die Kamera sogar, ob das Objekt beschleunigt oder abbremst, sich quer durchs Bild bewegt oder einen Richtungsschwenk durchführt. All das senkt den Ausschuss. Und dann haben wir da noch das 400mm Objektiv (von meiner Lebensgefährtin für diesen Tag erstritten). Einfach toll, wie man damit Entfernungen überbrücken kann. Moderne Rennstrecken mit ihren großzügigen Sicherheitszonen drängen Fans immer weiter zurück, da kann das Tele oft nicht lang genug sein. Oder man will einmal wirklich ins Detail gehen, den Rennprofi bei der Lenkradakrobatik buchstäblich einfangen oder die Abgasflammen groß ins Bild rücken. Selbst mit dieser Brennweite lassen sich Mitziehfotos aus freier Hand bewerkstelligen, wobei ich dabei gerne die 400 ASA Einstellung auf der Alpha wähle, das bringt Aufnahmesicherheit bei kaum reduzierter Bildqualität.

Zwei Tage des Donners, volle Speicherkarten, Sonne im Herzen und einen Sonnenbrand auf der Stirn. Die Reise nach London hat sich gelohnt, einige Bilder halten in aller Bescheidenheit den Vergleich mit den großen Vorbildern stand – dank der „langen“ und noch „längeren“ Rohre. Apropos lang: vor drei Jahren sah ich Kylie zuletzt in Wien, im Konzert versteht sich. Ob ich sie wohl auch einmal in London treffen werde, aber das wird wohl noch länger dauern.